Back to the roots!
Auf dem Train-the-Trainer Seminar vom 20.-22.11.2009 kehrten die CYR Trainer an den Tegelberg zurück, den Ort, an dem im Januar 2006 ein tödliches Lawinenunglück den Anstoß für Check-Your-Risk gab.
Januar 2006: Vier junge Freerider wollen den strahlenden Powder Tag mit der Befahrung eines über 40 Grad steilen Hanges beenden ... und das bei Lawinenstufe 4! Die Lust auf den Tiefschneekick bezahlte einer der vier Burschen damals mit dem Leben. Das Unglück löste große Betroffenheit in der Region aus und war die Initialzündung dafür, dass die JDAV das Projekt Check Your Risk ins Leben rief.

39 CYR Trainer konnten sich am 21.11.2009 selbst ein Bild davon machen, was für ein Risiko junge Freerider bereit sind einzugehen, um eine spektakuläre Abfahrt mitzunehmen. Auf der Exkursion im Rahmen des Train-the-Trainer Seminars gab es betretene Gesichter. Durch die Beachtung von wenigen elementaren Grundregelnhätte der Unfall vermieden werden können. Die DAV
SnowCard spricht bei Gefahrenstufe 4 und sehr steilem Gelände eine klare Sprache: Verzicht! Dadurch hätte der Unfall vermieden werden können. Durch das Mitführen der Standard-Notfallausrüstung wäre zumindest eine schnelle Bergung des Verschütteten möglich gewesen, aber die Jugendlichen waren „ohne alles“ unterwegs.
Das zweieinhalbtägige Ausbildungsseminar in Seeg im Allgäu beschränkte sich freilich nicht auf die nachdenklich stimmende Exkursion, sondern diente unter anderem auch dazu, durch das Feedback der CYR Trainer die Ausbildungsinhalte zu verfeinern und eine gute Vorbereitung für die kommende CYR Saison zu gewährleisten.
Level 1.0 und 1.5 im Selbstversuch

In vier Kleingruppen wurden die CYR Angebote
Level 1.0 und
Level 1.5 in wechselnden Rollen durchgespielt. Vor allem bereits erfahrene CYR Trainer gaben wertvolle Inputs zu immer wieder auftretenden Problem wie der, in den Kursen dahinrasenden, Zeit oder zu kniffligen Fragen wie: „Wo verstecke ich das LVS Gerät, wenn gerade kein Schnee liegt?“ Die Antwort: Umgedrehte Topfuntersetzer haben sich schon bei so manchem Kurs bestens bewährt.
So gut wie alle Trainer waren sich darin einig, dass es bei den CYR Grundeinheitennicht darum geht – und auch keinesfalls möglich ist – die Schüler in der Lawinenkunde auszubilden, sondern die Jugendlichen für das hohe Gefahrenpotential des Freeriden zu sensibilisieren. Gerade die Sportlehrerunter den CYR Trainern machten deutlich, wie wichtig psychologische Aspekte (Stichwort Gruppendynamik) sind, um die Kids wirklich zu erreichen.
Fachvorträge auf höchstem Niveau
Um den Trainern selbst aktuelle Erkenntnisse der Lawinenausbildung, Schneeforschung und Jugendpsychologie mit in die nächste Wintersaison zu geben, rundeten in Seeg hochkarätige Referenten das intensive Trainer Seminar ab:
„Schneemensch“ und DAV SnowCard-Entwickler Martin Engler stellte mit beeindruckenden Filmen seine spektakulärenSelbstversuche vor, in denen er in den achtziger Jahren auf und unter selbstausgelösten Schneebrettern zu Tal rauschte. Auch heute noch ist es dem Untermaiselsteiner Bergführer sehr wichtig den Leuten in seinen Kursen ein „direktes Gespür für den Schnee“ zu vermitteln. Seine „haptische Lawinenkunde“zeichnet sich aber auch durch einen sensiblen Umgang mit der eigenen Psyche aus und geht offen mit kritischen Ereignissen und brenzligen Situationen um.
Der frisch promovierte Schnee- und Risikoforscher Achim Heilig aus Hausham hielt bei seinem Vortrag über neueste Erkenntnisse der Lawinenforschung ein Plädoyer für den „Blick in die Schneedecke“. So wiederlegen brandneue Computertomografieaufnahmen die alte Lehrmeinung, dass bei der aufbauenden Schneemetamorphose die großen Eiskristalle auf Kosten der kleinen Eiskristalle wachsen. Vielmehr wandeln sich alle Schneekörner immer wieder komplett und außerdem viel rasanter um, als bisher vermutet.
Bergführer Florian Hellberg unterstrich bei seinem Vortrag die Notwendigkeit, systematisch die im Lawinenlagebericht genannten Gefahrenstellen im Gelände zu erkennen. Damit lieferte er eine Steilvorlage für Dr. Bernd Zenke, den Leiter derLawinenwarnzentrale im Bayerischen Landesamt für Umwelt. Zenke erläuterte die Entstehung und die Aussagekraft des bayerischen Lawinenlageberichts, wies aber auch auf die Grenzen der Prognose bei der Beurteilung von Einzelhängen hin.
Dr. Martin Schwiersch nahm die jugendliche Zielgruppe des Projekts CYR genauer unter die Lupe und stellte mit seinem Risikobegriff plastisch dar, was den Reiz beim Freeriden ausmacht: Eine gefährliche Situation durch das eigene Handeln sicher zu gestalten, erzeuge Selbstwirksamkeitsüberzeugungen, die für einen heranreifenden Menschenelementar seien. Das Projekt CYR konnte sich deshalb in seiner inhaltlichen Ausrichtung bestätigt fühlen, jungen Menschen das Risiko beim Freeriden bewusst zu machen, ohne ihnen alles verbieten zu wollen.
Einen Blick über den Tellerrand ermöglichte Paul Nigg, vom Kernausbildungsteam Lawinenprävention Schneesport, den CYR Trainern, indem er die aktuelle Lawinenausbildung in der Schweiz darstellte. Hier fiel den CYR Experten vor allem auf, dass der früher viel beschworene Gegensatz zwischen probabilistischen und analytischen Entscheidungsinstrumenten inzwischen hinfällig ist. Aufeinander abgestimmt entfalten die beiden Ansätze ihre größte Wirkung.

Das extrem vielseitige Programm trug dazu bei, das ohnehin hohe Niveau der CYR Trainer zu verbessern und zu vereinheitlichen. Das CYR Trainerteam geht nun voll motiviert und mit frischen Ideen und Impulsen in die neue Saison.